Erkenntnisse zu Werner Munter aus der Sicht der Alpinpolizei

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Autoren

Norbert Zobl und Erich Ladstätter, Alpinpolizei Tirol
Tabellen, Charts und Aufbereitung von Christian Klingler
Der Originalartikel ist 2002 erschienen unter dem Titel „Erkenntnisse zu Werner Munter aus der Sicht der Alpingendarmerie“

Norbert Zobl Erich Ladstätter

Inhalt

Einleitung
Gesamtzahl der erhobenen und nach der Reduktionsmethode von Munter auswertbaren Schifahrerlawinen
Unfallhäufigkeit in Bezug zu den Gefahrenstufen des Lawinenlageberichtes
Unfallhäufigkeit bei Steilheiten >39° in Bezug zu den Gefahrenstufen des Lawinenlageberichtes
Verteilung der Unfälle nach der Exposition
Verzicht nach Munter bei Anwendung der Reduktionsmethode
Fazit
Literatur

Einleitung

Mit seinem Buch „3×3 Lawinen – Entscheiden in kritischen Situationen“ und unzähligen Vorträgen brachte Werner MUNTER Bewegung in die klassische Lawinenbeurteilung. Unter den betroffenen Verbänden, Organisationen und interessierten Tourengehern wurde heftig diskutiert, kontroversielle Standpunkte ausgetauscht, Einstellungen von totaler Ablehnung bis vollkommener Begeisterung waren allgegenwärtig. Dies gipfelte darin, dass es am 17.12.1997 beim Kuratorium für Alpine Sicherheit eine sogenannte Expertendiskussion gab, an der sämtliche betroffenen Organisationen vom Zivilbergführerverband, der Österreichischen Bergrettung bis hin zur Alpinpolizei teilnahmen.

Bei dieser Diskussion wurden die verschiedenen Standpunkte, Meinungen und Einschätzungen dargestellt, ein gemeinsames übereinstimmendes Resümee zu MUNTER war klarerweise nicht zu erwarten, zu schwierig und vielfältig stellte sich das Thema „Beurteilung der Lawinengefahr“ dar. Bei allen Diskussionen wurde MUNTER selten als Ganzes gesehen, die unterschiedlichen Meinungen prallten konkret am Thema „Reduktionsmethode“ aufeinander. Die spitzen und messerscharfen Formulierungen von Werner MUNTER anlässlich seiner Vorträge erhitzten die Gemüter zusätzlich und waren Anlass von zum Teil heftigen emotionellen Reaktionen. Besonders die Angst des unter Umständen zu erwartenden rechtlichen Stellenwertes der Reduktionsmethode war deutlich spürbar. Das Bild von einem mit Taschenrechner hinter dem Schreibtisch sitzenden Staatsanwalt wurde immer wieder gezeichnet.

Für die Alpinpolizei Tirols stellte diese Situation eine besondere Herausforderung dar. Zum einen müssen Neuerungen und Entwicklungen in jeder Hinsicht mitverfolgt werden, um im eigenen Ausbildungsbereich auf möglichst hohem Niveau tätig zu sein, zum anderen sind alle Ausbildungs- und Beurteilungskriterien bzw. Lehrmeinungen wertfrei zu berücksichtigen, die für eine objektive Unfallserhebung erforderlich sind. Der Standard und Inhalt der zu erhebenden Umstände und Faktoren wird letztlich vom Gericht und nicht von den erhebenden Alpinpolizisten festgelegt und bestimmt. Unmissverständlich wird festgehalten, dass aus der Sicht der Alpinpolizei Tirol die Reduktionsmethode von Werner Munter derzeit keine Relevanz in Bezug auf eine objektive Sachverhaltsermittlung hat und keinen Eingang in die zu erstattenden Anzeigen und Berichte fand.

Nachdem die Alpinpolizei alle bekannt gewordenen Alpinunfälle zu erheben hat und somit die Lawinenunfälle fast lückenlos nach bisher gültigen Parametern erhoben wurden, wurde 1997 intern der Entschluss gefasst, die bekannt gewordenen und nach MUNTER auswertbaren Lawinenunfälle in Tirol zusätzlich eigens nach der Reduktionsmethode von MUNTER zu klassifizieren und in einer eigenen Statistik zu erfassen. Die kontroversiellen Einstellungen waren auch innerhalb der Gendarmerieorganisation in gleichem Ausmaß wie allgemein vorhanden, die praktische Anwendbarkeit der Methode heftig umstritten. Es wurden also ausschließlich intern die Lawinenunfälle bis einschließlich Winter 2001/2002 erfasst und so weit als möglich nachträglich nach der Reduktionsmethode von Werner MUNTER bewertet. Das Ziel war es einerseits praktische Nutzanwendungen für die eigene Ausbildung zu finden und andererseits die von MUNTER in seinem Buch prognostizierte Reduzierung der tödlichen Lawinenunfälle bei Anwendung seiner Methode anhand einer praxisorientierten nachträglichen Beurteilung zu überprüfen. Es wurden allerdings sämtliche erfassten Lawinenereignisse und nicht nur jene mit tödlichem Ausgang dahingehend ausgewertet. Dass diese Auswertung keinen wissenschaftlichen Ansprüchen standhält und mit gewissen Unsicherheitsfaktoren behaftet ist, sei von Vornherein klargestellt. Es geht auch nicht darum, über die Alpinpolizei des Landespolizeikommandos für Tirol den Versuch zu unternehmen, den Stellenwert der Reduktionsmethode von MUNTER festzulegen oder zu definieren, sondern schlicht und einfach aufzuzeigen, welche Ergebnisse diese parallel zu den offiziellen Erhebungen laufende Bewertung erbrachte und diese Ergebnisse den interessierten Organisationen, Verbänden, Bergführern und privaten Tourengehern zugänglich zu machen.

 

Gesamtzahl der erhobenen und nach der Reduktionsmethode von Munter auswertbaren Schifahrerlawinen

Gesamtzahl der erhobenen und nach der Reduktionsmethode von Munter auswertbaren Schifahrerlawinen 1997-2002: 127

Erfasste Lawinenereignisse - Jahresreihe 1997-1998 bis 2001-2002

Angeführt wird, dass es sich bei dieser Gesamtzahl nicht um eine lückenlose Erfassung der relevanten Ereignisse handelt. Die erhobenen Lawinenereignisse wurden allerdings nach den bestehenden Möglichkeiten bestens recherchiert, sodass wir überzeugt sind, dass bei der folgenden Auswertung ein repräsentativer Querschnitt mit entsprechender Aussagekraft vorliegt.

 

Unfallhäufigkeit in Bezug zu den Gefahrenstufen des Lawinenlageberichts

Unfälle 1997-1998 bis 2001-2002: Verteilung auf Gefahrenstufen

Unfälle
1997-1998  1998-1999  1999-2000  2000-2001  2001-2002  Summe 
Gefahrenstufe 4 0 8 7 5 0 20
3-4 1 4 2 0 0 7
3 10 9 9 19 26 73
2-3 0 0 0 0 0 0
2 4 8 7 4 4 27
Summe 15 29 25 28 30 127

 

Munter schreibt, dass 75 % aller tödlichen Schifahrerlawinen bei Mäßig (3) oder Erheblich (4) ausgelöst werden. Der Ansatz von Werner MUNTER war ein etwas anderer als der unsere. Wir wollten speziell das Risikoverhalten der Schitourengeher und Variantenfahrer bei den Gefahrenstufen 3 und 4 ausarbeiten und in dieser Publikation verlautbaren. Dabei kamen wir zum Ergebnis, dass ca. 72 % der bezughabenden Lawinen bei diesen Gefahrenstufen ausgelöst wurden. Zusätzliche Bedeutung bekommt dieses Ergebnis, wenn die Verknüpfung zu der Auswertung bezüglich der Steilheiten > 39° hergestellt wird.

Munter: Unfälle / Gefahrenstufe 1997-1998 bis 2001-2002
Munter: Unfälle / Gefahrenstufe 1997-1998 bis 2001-2002
Unfälle  Unfälle [%]
1997-2002 1997-2002 [%]
Gefahrenstufen 4 20 16%
3-4 7 6%
3 73 57%
2-3 0 0%
2 27 21%

 

Unfälle - Gefahrenstufen
21%  der Unfälle bei Stufe 2 und 2-3; 79% bei 3 oder 4; davon 16% bei Stufe 4

 

Unfallhäufigkeit bei Steilheiten >39° in Bezug zu den Gefahrenstufen des Lawinenlageberichts

Munter stellt in seinem Buch immer wieder den Zusammenhang zwischen Unfallwahrscheinlichkeit und Steilheit der Hänge her. Mit der elementaren Reduktionsmethode plädiert Munter für eine der Gefahrenstufe angepassten Tourenwahl in Abhängigkeit zur Steilheit des zu befahrenden Geländes.

 

Gesamtereignisse > 39°
Zeitraum
1997-1998
1998-1999
1999-2000
2000-2001
2001-2002
1997 – 2002
erfasste Unfälle
15
29
25
28
30
127
Unfälle>39°
4
16
16
13
11
60
Prozent
29%
55%
64%
46%
37%
47%

 

In den folgenden Diagrammen sind die Lawinenunfälle >39° den jeweiligen Gefahrenstufen zugeordnet. Die Tendenz, trotz ausgegebener Gefahrenstufen von 3 und 4, sehr steile Hänge zu befahren ist aus den folgenden Diagrammen deutlich ersichtlich. In diesem Zusammenhang wird besonders auf die Aussagen von Werner Munter zur elementaren Reduktionsmethode verwiesen. Unserer Ansicht nach kommt der Aussagekraft dieser Auswertung besondere Bedeutung zu, weil die praktische Anwendung der elementaren Reduktionsmethode ungleich leichter möglich scheint als die Reduktionsmethode selbst.

Munter: Unfälle >39° / Gefahrenstufe 1997-1998 bis 2001-2002
Munter: Unfälle >39° / Gefahrenstufe 1997-1998 bis 2001-2002

 

Verteilung der Unfälle nach der Exposition

2000/2001

SO-W
südliche Hälfte
WNW – OSO
nördliche Hälfte
NW – NO
Sektor Nord
4
24
davon 20
14%
86%
72%

 

2001/2002

SO-W
südliche Hälfte
WNW – OSO
nördliche Hälfte
NW – NO
Sektor Nord
6
24
davon 21
20%
80%
70%

Verteilung der Unfälle nach der Exposition 2001-2002

1997-2001

SO-W
WNW – OSO
NW – NO
28
99
davon 77
22%
78%
61%

Verteilung der Unfälle nach der Exposition 1997-2001

 

Verzicht nach Munter bei Anwendung der Reduktionsmethode

1997 – 1998
1998 – 1999
1999 – 2000
2000 – 2001
2000 – 2002
1997-2002
Unfälle – GESAMT
15
29
25
28
30
127
STOP nach Munter
10
23
11
19
18
81
STOP in Prozent
~67 %
~79 %
~44 %
~68 %
~60 %
~64 %

 

Bei dieser Bewertung wurden die grundlegend erforderlichen Überlegungen im Sinne von 3×3 völlig außer Acht gelassen und ausschließlich die Reduktionsmethode als Grundlage herangezogen. Ausgangsbasis für das gültige Gefahrenpotenzial war immer der amtlich verlautbarte Lawinenlagebericht des jeweiligen Unfalltages.

Bei der Anwendung der Reduktionsfaktoren wurden die letztgültigen Reduktionsfaktoren angewendet.

Munter 64% Stop - 36% Go

 

Fazit

Die Autoren der Alpinpolizei hoffen mit dieser Auswertung eine sachliche Basis für eine weitere Diskussion und Auseinandersetzung mit der Beurteilung der Lawinengefahr für den Tourengeher geschaffen zu haben. Die Einordnung und Bewertung dieser Ereignisse in Bezug zu den Aussagen von Werner MUNTER obliegt jedem geschätzten und fachkundigen Leser selbst.

Allerdings wird in diesem Zusammenhang noch auf die bemerkenswerten Äußerungen der verhandlungsführenden Richterin beim „Jamtalprozess“ vom 14.11.2000 verwiesen. In ihrer Urteilsbegründung nahm sie sehr wohl auf Werner MUNTER Bezug. Sie führte sinngemäß an, dass dieses Verfahren gezeigt habe, dass es trotz höchstem Ausbildungsstand und jahrzehntelanger Erfahrung der betroffenen Bergführer offensichtlich keine Möglichkeit gibt, mit der klassischen Beurteilung die Lawinensituation (Einzelhangbeurteilung) nur einigermaßen richtig einschätzen zu können.

Ihrer Meinung nach wird man in Zukunft, wie in der Urteilsbegründung angeführt, nicht umhin kommen, die von W. MUNTER (3×3 und Reduktionsmethode) oder M. LARCHER (STOP or GO) entwickelten Strategien zur Herbeiführung einer JA/NEIN Entscheidung mit in die Gesamtbeurteilung einfließen zu lassen.

Norbert ZOBL und Erich LADSTÄTTER

Erich Ladstätter und Norbert Zobl

 

Reaktionen auf Zobl und Ladstätter

Sabine Kraml und Andreas Fuhrer schreiben in berg & steigen:

„In ihrer sehr interessanten Studie haben Erich Ladstätter und Norbert Zobl von der Alpingendarmerie Tirol die gemeldeten Lawinenunfälle in Tirol der Wintersaisonen 1997/98 bis 2002/03 ex-post (nachträglich) nach der Reduktionsmethode (RM) von Munter [2] analysiert. Sie konnten feststellen, dass sich ein Großteil der ausgewerteten Skifahrerlawinen bei einem Restrisiko R>1 ereignet hatten, die RM in diesen Fällen also einen Verzicht gefordert hätte und daher eine konsequente Anwendung der RM tatsächlich wesentlich zur Unfallvermeidung beitragen hätte können.“

und:

„Die Unfallerfassung der Alpingendarmerie Tirol ist in dieser Hinsicht beispielhaft!“

 

Literatur zu Werner Munter

3×3 Lawinen: Risikomanagement im Wintersport
von Werner Munter
Tappeiner Verlag, 5. Auflage, 26. November 2013, 232 Seiten
ISBN-10: 8870737756
ISBN-13: 978-8870737752
http://www.amazon.de/dp/8870737756

Reduktionsmethode – Vom Minutenentscheid zum synthetischen Blick
von Werner Munter
berg & steigen 4/2001, Österreichischer Alpenverein
http://www.bergundsteigen.at/file.php/archiv/2001/4/35-36%20(reduktionsmethode).pdf

Forschungen zur Reduktionsmethode
von Sabine Kraml und Andreas Fuhrer
berg & steigen 4/2006, Österreichischer Alpenverein
http://www.bergundsteigen.at/file.php/archiv/2006/4/print/38-41%20(forschungen%20zur%20reduktionsmethode).pdf

Die Beurteilung der Lawinengefahr im freien Skiraum
von Peter Höller
Bundesamt und Forschungszentrum für Wald, Institut für Lawinen- und Wildbachforschung, Innsbruck
http://sciencev1.orf.at/science/hoeller/9221

Werner Munter
Wikipedia-Artikel
https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Munter

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